Was du in diesem Beitrag lesen kannst:
- Fediverse? Was ist das denn schon wieder?
- Und wo soll ich anfangen?
- Gib mal Beispiele, was du da eigentlich tust
- Reichweite?
- Ich hab hier den Hut auf
- Wo ist meine Bubble?
- Wo gibt’s weitere Infos?
- Soll ich wirklich?
- Kleines Fazit
Fediverse? Was ist das denn schon wieder?
Das Fediverse ist ein Netzwerk aus unabhängigen Servern, die alle über ein gemeinsames Protokoll miteinander verbunden sind und die nicht einem großen Konzern gehören, der einfach ein Schloss an die Tür hängt, sondern die von engagierten Menschen betrieben werden, denen ein freies und vielfältiges Internet wichtig ist. Es gibt dort verschiedene Dienste: für Microblogging zum Beispiel Pleroma oder Mastodon (wohl der bekannteste Dienst) oder Misskey oder Akkoma, für Fotos Pixelfed, für Videos PeerTube, für längere Diskussionen Friendica und noch einige mehr. Eine Übersicht gibt es z.B. hier .
Moment, das Fediverse, ist das nicht dieser Nerd-Zoo, wo einem besserwisserische Technik-Geeks etwas von Linux erzählen oder davon, dass mastodon.social viel zu groß geworden ist und dass es nicht „auf Mastodon“ heißt und dass, wer mit dem Rechner nicht mindestens per du ist, ja eigentlich gar keine Ahnung hat?
Ja, das ist das Fediverse auch. Es gibt einige seeeehr nerdige Ecken dort und auch einige, die nicht müde werden, mit großem Engagement ihre Idee des verteilten Netzwerks unter die Leute zu bringen und dabei gerne mal vergessen, dass sie Neulinge damit völlig überfordern. Ja, natürlich wäre es schön, wenn die Menschen sich vor dem Erstellen eines Accounts ein wenig informieren würden, aber seien wir doch froh, dass sie überhaupt erstmal kommen.
Gleichzeitig ist das Fediverse auch ein Ort für Musiker*innen, Liedermacher*innen, Autor*innen, Cartoonist*innen, um nur einige zu nennen.
Und wo soll ich anfangen?
Regelmäßig wird gefragt, welche Instanz oder welchen Server eins denn nun auswählen sollte für ein bestimmtes Thema. Es gibt einige Orte, die z.B. auf bestimmte Musikrichtungen fokussiert sind oder Musiker*innen oder Künstler*innen ansprechen (wollen). Im Grunde ist es aber meiner Erfahrung nach gar nicht so wichtig, wie der Server heißt, bei dem ich mir einen Account mache. Denn durch die Föderation sind alle miteinander verbunden und ich kann z.B. mit meinem Misskey-Account einem PeerTube-Account ebenso folgen wie einem Account bei Friendica, Sharkey oder Pleroma. Ebenso kann ich Hashtags folgen oder neue erfinden.
Wichtiger finde ich persönlich, mir zu überlegen, was ich im Fediverse eigentlich machen möchte und ob mir dafür ein Account reicht oder ob ich mehrere bespielen möchte. In meinem Fall sind es drei Accounts: mein am häufigsten genutzter Mastodon-Account (auf eigener Instanz, mehr dazu später), mein PeerTube-Account für Videos und mein etwas seltener genutzter Misskey-Account für längere Texte und weil ich einfach mal ausprobieren wollte, wie es dort so ist.
Zum Weiterlesen gibt es hier praktische Tipps.
Gib mal Beispiele, was du da eigentlich tust
Regelmäßig kombiniere ich die Plattformen, wenn ich z.B. unter dem Hashtag #OrgelSonntag jeden Sonntag einen Link zu einem PeerTube-Video mit Orgelmusik poste.
Hatte ich anfangs noch zu Videos in meinem Vimeo-Kanal verlinkt, nutze ich inzwischen nur noch PeerTube. Die Interaktion ist seitdem um ein Vielfaches gewachsen und auch die Abrufzahlen können sich sehen lassen – im Vergleich zu Vimeo, wo erschwerend hinzukommt, dass die Suchfunktion nur noch für angemeldete Nutzer*innen zur Verfügung steht. Meine Videos sind bei PeerTube offen zugänglich, können kommentiert und „gemocht“ werden, oder einfach nur angeschaut. Neben Orgelmusik veröffentliche ich dort auch Flötenmusik und Lieder – was ebenfalls sehr gut ankommt.
Apropos ankommen: ich fühle mich im Fediverse sehr wohl und habe dort schon sehr viele tolle Menschen kennen gelernt und auch manche „von früher“ wiedergetroffen. Früher heißt bei mir Twitter, wo ich viele Jahre aktiv war. Ich war und bin weder bei Facebook noch bei Instagram oder TikTok und einen YouTube-Kanal habe ich auch nicht. Das brachte mir in der Vergangenheit durchaus schon Kommentare ein wie „Naja, wenn du dir leisten kannst, dort nicht zu sein, bist du auch keine von uns“ (Profi-Musiker*innen, die nun mal „alle“ bei Insta sind) oder „Du brauchst wohl keine Reichweite.“
Reichweite?
Mit der Reichweite ist das ja so eine Sache. Gerne verweise ich dazu auf den sehr gut recherchierten und fundiert geschriebenen Artikel von Klaudia.
Ich weiß, dass es Veranstalter*innen gibt, die ihre Acts danach auswählen, wie viele Insta-Follows diese haben. Ich weiß, dass die Tatsache, nicht mit einem eigenen Account bei YouTube zu sein, für viele zunächst einmal bedeutet, als „nicht sichtbar“ einsortiert zu werden. Fun Fact am Rande: es gibt Videos von mir bei YouTube, vor allem auf dem Kanal von Carlotta Ferrari. Meine bevorzugte Plattform für Videos bleibt jedoch das Fediverse bzw. PeerTube.
Die Entwicklung, dass Kulturschaffende vermittelt bekommen, dass sie nur dann „vermittelbar“ oder „buchbar“ sind, wenn sie auch auf mindestens einer der großen kommerziellen Plattformen sind, halte ich für sehr bedauerlich. Ja, ich selbst bin in der komfortablen Situation, dass ich mehrere Standbeine habe und dass Musik nur eines davon ist und auch das ist breit gefächert: Kirchenmusik, Chorleitung, Stimmbildung, Unterricht, Konzerte… vieles davon „passiert“ regional über persönliche Kontakte (aber ich habe auch schon übers Fediverse Konzertanfragen gehabt und vor allem Kollegys für spannende Projekte gefunden). Dennoch würde ich mir für alle anderen wünschen, dass sie sich ebenfalls frei entscheiden können, welche Plattformen sie bespielen wollen und welche nicht und sich nicht nur äußere Umstände auf bestimmte Plattformen genötigt sehen.
Die Frage bleibt natürlich, ob das wirklich so sein muss und ob es nicht auch anders geht und ob die Sichtbarkeit und Reichweite auf den algorithmus- und klick-getriebenen werbelastigen großen Plattformen tatsächlich so hoch ist wie angenommen oder erhofft. Und vor allem: welchen Preis ich als Künstlerin dafür bezahle – wie viel Zeit muss ich aufwenden, um in den Feeds immer „oben“ zu bleiben, welche Art von Inhalten „funktionieren“, welche nicht, welche Agentur hat das beste Preis-Leistungs-Verhältnis, falls ich diese Arbeit mal auslagern will oder muss, wie hat sich der Algorithmus nun schon wieder verändert und wie ändere ich meine Posts, damit ich wieder „oben“ bin und so weiter. Mir persönlich wäre das viel zu anstrengend. Und vor allem habe ich gerne die Hoheit über meine Inhalte.
Ich hab hier den Hut auf.
Auf meiner eigenen Website bin ich die Chefin. Ebenso bin ich es im Fediverse, denn abgesehen von PeerTube und Misskey, wo ich zu Gast bin, bespiele ich bei Mastodon eine eigene Instanz, die ich zusammen mit einem Freund betreibe. Wir haben es also komplett in der Hand, was und wie viel wir posten und wie sichtbar wir sein wollen. Du musst übrigens kein Ober-Nerd sein, um eine eigene Fedi-Instanz zu betreiben. Es gibt Hoster, die dir einen großen Teil der Arbeit abnehmen.
Und wem europäischer Datenschutz wichtig ist, kommt meiner Meinung nach um eigene Lösungen und/oder das Fediverse eh nicht drum herum.
Außerdem bedenkenswert: bei Insta erreiche ich nur Menschen, die ebenfalls bei Insta sind. Von außen auf die Inhalte zuzugreifen ist nicht möglich. Ich würde das für mich nicht wollen.
Wo ist meine Bubble?
Oft höre ich: ja, schön und gut, das mit dem Fediverse, aber meine Bubble ist dort gar nicht!
Stimmt. Meine alte Twitter-Bubble existiert in dieser Form auch nicht mehr. Ich habe eine neue gefunden. Es hat anfangs weh getan, das gebe ich offen zu. Aber inzwischen, nach gut fünf Jahren Fediverse, ist Twitter „nur“ noch eine schöne Erinnerung.
Und: irgendeins muss ja mal anfangen. Vielleicht bin ich ich nach wie vor nur eine der ganz wenigen Organistinnen, die im Fedi sind. Aber das ist für mich kein Grund, nicht dort zu sein.
Wo gibt’s weitere Infos?
Eine schöne Zusammenfassung für alle, die neu ins Fedi kommen wollen, hat Klaudia geschrieben.
Und auf Englisch gibt es die wunderbare Seite fedi.tips mit Fokus auf Mastodon.
Wer lieber ein Video anschaut/anhört als Blogbeiträge zu lesen, sei auf den Vortrag meines Musik-Kollegen Herr Irrtum verwiesen: „Künstler:innen im Fediverse“ (PeerTube-Link 🙂 Und wer aufmerksam zuhört, wird feststellen, dass ich auch vorkomme **hüstel**)
Soll ich wirklich?
Nur Mut! Ich finde, für Künstler*innen und Musiker*innen ist das Fediverse eine tolle Spielwiese. Ich möchte es nicht missen. Für Neulinge hat sich der Hashtag #NeuHier etabliert, auf den meist die ersten Begrüßungsnachrichten folgen. Ich kann nur empfehlen, gerade am Anfang möglichst vielen Menschen zu folgen und auch zurückzufolgen. Später „sortieren“ und wieder entfolgen kannst du immer noch. Aber du brauchst, weil es keine Clickbaits und automatisch generierte Vorschläge gibt, möglichst viele Accounts, denen du folgst, damit dein Feed schön bunt ist.
Kleines Fazit
Eine persönliche Anmerkung noch dazu: ich erlebe es immer wieder, dass Menschen nach kurzer Zeit wieder weg sind, weil sie denken, es sei zu wenig los oder sie würden nicht von den passenden Leuten gelesen. Bleibt geduldig und vor allem aktiv dran! Wer sich für eure Kunst/Musik interessiert, ist nicht immer eindeutig. Und der Fokus liegt im Fediverse auf der Kommunikation untereinander und nicht darauf, sich für die eigenen Beiträge loben und bauchpinseln zu lassen. Trotzdem ist das natürlich schön, wenn es passiert. Und das ist gar nicht so selten. 🙂
Lesen wir uns im Fedi?