Manchmal werde ich gefragt, ob ich eine Empfehlung für ein konzerttaugliches Werk einer Komponistin hätte, und oft möchte ich antworten: eine Empfehlung? Wo soll ich anfangen?
Was konzertttauglich ist und was vielleicht eher nicht, ist teilweise Geschmackssache und vor allem auch abhängig von der Orgel, die ich zur Verfügung habe.
Die folgende Auflistung ist subjektiv und beileibe nicht vollständig. Ergänzungen könnten im Lauf der Zeit dazukommen. Transparenzhinweis: einige Werke habe ich bereits im Februar 2022 auf einem meiner anderen Blogs vorgestellt; wem also das ein oder andere bekannt vorkommt, hat es vielleicht dort gelesen.
Einen ganz besonderen Platz in meinem Herzen hat die Toccata op. 97 von Mel Bonis. Ursprünglich für drei Manuale gedacht, funktioniert sie auch auf kleineren Instrumenten. Ich habe sie sogar schon auf einem Manual gespielt (Mel wird es mir hoffentlich verzeihen). Es wird aber auf jeden Fall Pedal gebraucht.
Eine weitere Toccata, die ich ganz großartig finde, ist die aus der Organ Suite No. 1 von Florence Price. Leider habe ich noch keine Quelle in Europa gefunden, bei der es die Noten der Suite gibt, aber die Toccata ist im „Oxford Book of Organ Music by Women Composers“ und das ist hierzulande erhältlich.
Apropos Suiten, da gibt es einige sehr spannende Werke. Zum Beispiel die Exodus Suite von Sharon J. Willis und die Suite for Organ (based on Taiwanese Folk Songs) von Pei-lun Vicky Chang. Keine Suite, aber wunderbare Variationen sind die Concert Variations on Greensleeves von Carlotta Ferrari – sehr beliebt beim Publikum, weil die Melodie bekannt ist. Mindestens zwei Manuale sind dafür nötig.
Ebenfalls mindestens zwei Manuale sind für die folgenden Werke sinnvoll, aber wer abenteuerlustig und experimentierfreudig ist, kommt teilweise vielleicht sogar mit einem Manual aus. Das Preludio, Allegro und Fantasia von Matilde Capuis ergibt ein schönes Dreigestirn; das Triptyque pour grand orgue von Germaine Labole hat die Drei im Titel, ebenso wie die Trois Esquisses von Liv-Benedicte Bjørneboe. Ein persönlicher Liebling ist die Trilogie Englar á sveimi von Bára Grímsdóttir.
Die Orgelsinfonien von Elfrida Andrée und Germaine Labole, beide in h-Moll, brauchen eine große Orgel – wer eine solche zur Verfügung hat, sollte sich diese Werke unbedingt einmal näher anschauen; für die Sonate für Orgel von Maria Gary genügen zwei Manuale (und Pedal bis f).
Pedal-Spaß gibt es beim Maestoso von Elizabeth Stirling und für hohes Spielniveau bei den Octaves von Jeanne Demessieux. Ein schönes Pedal-Solo ist die Suite von Francesca de Santis.
Sehr gerne spiele ich das Prélude pour grand orgue op. 78 von Cécile Chaminade. Zwei Manuale sind dafür nötig und ich mag es, die Orgel in all ihren Facetten zu zeigen, von sanften Tönen bis zu einem mächtigen Fortissimo. Auch der Dialog von Ester Mägi ist ein schönes Stück, um die Klangfarben der Orgel auszuloten.
Nicht fehlen darf der Hinweis auf das Präludium in F und das Postludium in G von Fanny Hensel – sowohl für Hochzeiten als auch für Konzerte absolut lohnend!
Außerdem die Werke von Héléne Gonthier und von Ika Peyron und viele, viele mehr.
Ergänzung no.1: im Sammelband „Orgelmusik von Komponistinnen„, der bei Schott erschienen ist und den ich im Blog schon einmal erwähnt habe, finden sich weitere interessante Werke, die gut in Konzerte passen. Zum Beispiel die Fantasie und Fuge über „Wie schön leuchtet der Morgenstern“ von Johanna Senfter und das Prélude et Fugue von Elsa Barraine.
(Danke an Maria B. für die Erinnerung!)
Ich hoffe, ich konnte mit diesem Beitrag einen kleinen Anstoß geben. Und möchte Leah Broad zitieren (S. 249 im Buch „Fortissima!“ von Raphaela Gromes und Susanne Wosnitzka):
„Es gibt keinen Mangel an Musik von Komponistinnen. Wenn wir dieser Stücke jetzt nicht spielen, liegt es daran, dass wir uns bewusst dagegen entscheiden.“